Die gegenwärtige Wirtschaftskrise ist auch die Krise einer Denkweise: des Glaubens an DEN freien MARKT. DER MARKT, so war früher andauernd zu hören, sei die beste aller Wirtschaftsformen. Er sei effizient und würde, wenn man ihn unbehindert werken lasse, die optimalsten Ergebnisse zum Wohle aller hervorbringen.
Der Glaube an DEN freien MARKT hat die Welt jahrzehntelang beherrscht. Er war die Leitideologie einer Kultur, die in eine globale Krise geschlittert ist. Die politischen und ökonomischen Eliten und die meisten Medien waren von ihm erfüllt. Andauernd wurden die Segnungen eines ungebremsten MARKTES verkündet, Privatisierung und Deregulierung gefordert, private Pensionssysteme gepriesen, der Abbau des Sozialstaates begrüßt und weltweit „freier“ Handel und „freier“ Kapitalverkehr durchgesetzt. Im Glauben an DEN MARKT konnte das Finanzsystem ungezügelt wachsen und der Kapitalismus sich zu einem Finanz- oder Renditen-Kapitalismus wandeln. Der Glaube an DEN MARKT war die große Ideologie jener Phase des Kapitalismus, die zu einem jähen Ende gekommen ist. Um sie zu verstehen, müssen wir das Konzept DES MARKTES verstehen, es soll in diesem Buch umfassend erklärt werden.
Der Glaube an DEN MARKT war viele Jahre lang unmittelbar wirkungsmächtig. Wir - so wurde uns gesagt - hätten uns den Regeln und Zwängen DES globalen MARKTES zu unterwerfen. Im Namen DES MARKTES wurden sinkende Löhne, steigende Armut, explodierender Reichtum, schlechtere Arbeitsbedingungen und minderwertigere Umwelt als „Sachzwänge“ verkauft. Sie seien die Folgen der Globalisierung, die wie ein Naturereignis über uns eingebrochen sei und gegen die man nichts unternehmen könnte. Auch die Politik habe sich dieser Gewalt zu beugen, niemand könne sich den Zwängen DES globalen MARKTES entziehen.
Aber DER MARKT war und ist nicht nur eine Realität, wie fest er erscheinen und mit welchen Macht-Mitteln er daherkommen mag. Er ist auch eine Denkfigur, eine mentales Gebilde, ein Begriff in den Köpfen. DER MARKT ist ein Konzept, das zahlreiche Vorgänge auf eigene Weise ordnet und erklärt. Wörter und Begriffe transportieren Vorstellungen und innere Bilder. Hinter dem Reden von DEM MARKT steht ein kraftvolles Bild: die Vorstellung DES MARKTES als eines Prozesses, einer Instanz, eines Mechanismus, einer Über-Person, … , die sich über alle erhebt und wie eine Autorität über uns schwebt.
Aussagen wie diese transportieren das Bild einer höheren Macht, wir mussten sie jahrzehntelang hören:
- „Niemand kann sich den Kräften des Marktes entziehen.“
- „Wir müssen uns den Regeln des Marktes unterwerfen.“
- „Der Markt belohnt die Tüchtigen.“
- „Nur der Markt bestimmt die Hochschulqualität.“
- „Den Gesetzen des Marktes entrinnt niemand.“
- „Wir müssen dem Markt Opfer bringen.“
- „Die Mechanismen des Marktes gelten weltweit.“
- „Die Logik des Marktes verlangt, dass wir…“
- „Der Markt ist die wahre Demokratie.“
- „Wir müssen das Haus unserer Gesellschaft immer wieder umbauen, wie der Markt uns befiehlt.“
- „Wir können den Selbstheilungskräften des Marktes vertrauen.“
- „Wenn wir uns nicht anpassen, dann wird es der Marktt tun, - auf eine Weise, die uns vielleicht nicht gefallen mag.“
Fast alle haben solche Sätze für bare Münze genommen. Sie geben so glaubten sie - über die Wirtschaft Auskunft. Ihre Urheber redeten nicht über eine Theorie (die wie jede bestreitbar ist), sondern über Fakten und Tatsachen. Wer solchen Aussagen für wahr hält, bei dem hat sich das Denk-Konzept DES MARKTES verfestigt: DER MARKT ist zur Realität geronnen. Anschauungen dieser Art, die auf dem Bild DES MARKTES als einer übergeordneten Instanz basieren, in der „die Politik“ nicht eingreifen könne oder solle, nenne ich MARKT-Glauben. Personen, die diese Ansichten vertreten, bezeichne ich als MARKT-Gläubige. Dieses Buch handelt von dem Glauben an DEN MARKT und seiner Bedeutung für unsere Kultur.
Die Vorstellung von DEM MARKT formt den Blick auf die Wirtschaft. Er blendet manches ein und vieles aus. DER MARKT wirkt wie eine kollektive Brille, welche die Aufmerksamkeit lenkt. Sie erschafft eine eigene Suggestion, eine künstliche Welt, an der die Eliten immer noch festhalten. In dieser Welt wurde ein riesiges Kartenhaus von Finanztiteln errichtet, die heute Angst und Schrecken verbreiten. Der Kapitalismus ist zum Kasino verkommen und niemand weiß, wer morgen die Nutznießer oder Verlierer des globalen Spiels sein werden. Jetzt sind alle Länder bedroht, eine globale Rezession ist entstanden und viele hoffen, dass es gelingt, das weltweite Glücksspiel zu zähmen und eine neue Architektur über die Märkte zu errichten.
Dieses Buch wurde im Sommer 2007 begonnen und zum Großteil im Sommer 2008 fertig gestellt. Die Krise seit dem September 2008 verleiht ihm eine Aktualität, die mich erschreckt. Aber jede Krise birgt eine Hoffnung: dass es uns gelingt, sich des Irrtums des Glaubens an DEN MARKT bewusst zu werden, neue Formen des politischen Diskurses zu erfinden und eine Debatte über die Zukunft der Wirtschaft zu starten. Wir brauchen einen neuen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.
Aber vor dem Neuen muss eine Kritik des Alten kommen. DER MARKT, das will ich zeigen, ist ein Propaganda-Begriff. Er wurde, obwohl und weil er in wissenschaftlichem Gewand daherkommt, von Kreisen erfunden und gefördert, denen die Propaganda DES MARKTES ein Anliegen war. Wir wollen beschreiben,
- vor welchem Hintergrund die Theorien DES MARKTES entstanden sind,
- auf welchem schwachen Fundament sie ruhen und dass ihre Mängel aus der Propaganda-Absicht verständlich werden, und
- wie der Begriff DES MARKTES im Diskurs verwendet worden ist und welche politischen und sozialen Wirkungen damit verbunden sind, - auch unabhängig von den Auswirkungen der Krise heute.
Der Begriff DER MARKT wird in diesem Buch als ideologischer Kampfbegriff verstanden, der zu manipulativen Zwecken erschaffen worden ist und als solcher immer noch verwendet wird. DER MARKT ist ein Propaganda-Begriff und kann als solcher exakt analysiert werden. Er weist auf eine fiktive Wirtschaft ohne empirischen Beleg. Was der Ausdruck DER MARKT besagen will, ist in der Realität nicht vorhanden ist. Es gibt keinen MARKT, ihn kann und wird es niemals geben. Aus diesem Grund wird der Ausdruck DER MARKT in diesem Buch immer in Großbuchstaben gesetzt. Ich will einen Anstoß geben, dem Denken in diesem Begriff ein Ende zu setzen.
Der Begriff DER MARKT wurde in der ökonomischen Theorie erfunden. Die große Erzählung von den segensreichen Folgen DES freien MARKTES beherrscht die Ökonomen, - Frauen sind auf diesem Gebiet immer noch spärlich vertreten. Fast alle Ökonomen argumentieren mit DEM MARKT und vertreten marktradikale Standpunkte. Keiner von ihnen hat eine globale Krise für möglich gehalten. Im Glauben an DEN MARKT wurden alle Anzeichen übersehen und die wenigen Kritiker als Schwätzer abgetan.
Die wichtigste ökonomische Theorie mit der größten Breitenwirkung ist die neoklassische Mikroökonomie. Ihr Kern heißt allgemeine Gleichgewichtstheorie, - ein kompliziertes mathematisches Modell. Sein stärkster Einfluss geht über die Lehrbücher der Mikroökonomie. Sie haben weltweit fast überall den gleichen Inhalt. Nahezu alle, die eine höhere Ausbildung im breiten Feld der Wirtschaft erhalten, bekommen in ein oder mehreren Kursen die Grundzüge dieser Theorie vermittelt. Die wirtschaftliche Elite der ganzen Welt lernte und lernt mit ihrer Hilfe marktradikal zu denken.
In den Kapitel 3 bis 6 wird der Kern dieses Modells dargestellt. Ich werde zeigen, welche Schwachstellen jeder wichtige Begriff besitzt und wie dürftig die Schlussfolgerungen sind. Mein Ziel ist es, kritischen Personen viele Argumente zu liefern, mit dem sie dem vermeintlich wissenschaftlichen Reden von DEM MARKT Paroli bieten können. Die Zeit ist überreif, den Spieß umzudrehen und allen offensiv gegenüberzutreten, die immer noch mit DEM MARKT argumentieren.
Die Auseinandersetzung um DEN MARKT geht weit über den Bereich der Ökonomie als Wissenschaft hinaus. Die ökonomische Theorie konnte nur deshalb einflussreich werden, weil sie die Interessen machtvoller Gruppen fördert und über Kanäle verfügt, die ein hoch spezialisiertes Wissen in einfache Gedanken um- und verformen, - und auch: weil es Andersdenkende versäumt haben, dieses Denkgebäude nachhaltig in Frage zu stellen und Alternativen zu präsentieren. Ökonomische Theorien hängen nicht im luftleeren Raum. Sie sind in ein gesellschaftliches und politisches Diskurssystem eingebettet. Hier geht es auch um gesellschaftliche Macht, die sich rechtfertigen will (und muss) und dazu der Hilfe einer Theorie bedarf. Welche Überzeugungen über die Wirtschaft im Vordergrund stehen, hat unmittelbare Auswirkungen auf Verlierer und Gewinner im Wirtschaftsprozess. Theorien sind auch handlungsmächtig. Ohne die Theorie DES MARKTES würde das marktwirtschaftlich-kapitalistische System anders aussehen (und hätte nicht zu der globalen Krise heute geführt).
Doch die meisten Ökonomen ziehen immer noch einen Trennstrich zwischen Theorie und ihrer Anwendung. Sie denken wenig politisch und sind kaum geübt oder ausgebildet, über die gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen und Wirkungen ihrer Ansätze systematisch nachzudenken. Für einen Wissenschaftler kann diese Haltung legitim sein. Wissenschaft darf sich selbst definieren, das Ideal der akademischen Freiheit muss beibehalten werden und braucht sich sozialen und gesellschaftlichen Forderungen nicht zu beugen, - egal von wo sie kommen.
Aber für betroffene StaatsbürgerInnen, die in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen denken (müssen) und die von der Krise betroffen sind, ist diese Haltung ein Skandal. Hier muss das, was vor und nach wirkungsmächtigen Wissenschaften kommt, systematisch untersucht werden: in welchem gesellschaftliche Rahmen ist die Disziplin entstanden, welche Kräfte waren und sind hier am Werk, welche Meinungen setzen sich wie durch, wie wird mit Außenseitern umgegangen, welche Machtgruppen fördern bestimmte Theorien, usw.?
Eine umfassende Kulturgeschichte DES MARKTES, die Fragen dieser Art beantworten könnte, wurde noch nicht geschrieben, vieles liegt noch im Dunklen.[1] Was hat den Aufstieg dieses Glaubenssystems im 20. Jahrhundert möglich gemacht: am Anfang des Jahrhunderts in einer Minderheiten-Position, am Ende die große dominante Lehre, welche Politik und Wirtschaft auf die Globalisierung einstimmt? In meinem Verständnis kann Geschichte nicht auf eine Einflussgröße zurückgeführt oder gar ursächlich erklärt werden. Geschichtliche Prozesse sind auch Zufall, viele Faktoren sind auf vielschichtige Weise verwoben. Im langsamen Niedergang des Glaubens an DEN MARKT und aus einer kritischen Außenposition erkennen wir erste Konturen eines Vorgangs über ein Jahrhundert. Er entstand und speiste sich aus vielen Quellen:
- der Schock, den das traditionelle liberale Denken durch die Weltwirtschaftskrise erlitten hatte: er führt zu neuen liberalen Strömungen (wie den Theorien von Keynes), aber auch zu einem radikalen Markt-Liberalismus, - er nennt sich selbst, wie wir gleich erzählen werden, Neoliberalismus. Hier wird das alte Projekt der Aufklärung fallengelassen, der ökonomische Liberalismus trennt sich vom politischen, die Wirtschaft soll, so wird gesagt, die Politik dominieren.
- die Umdeutung der Demokratie durch führende Kreise in den USA: das alte Konzept einer Demokratie durch politische Teilhabe wird aufgegeben und durch eine „Experten-Demokratie“ ersetzt. „Das Volk“ sei, so wird gesagt, nicht in der Lage politisch klug zu handeln, es müsse von Experten geführt werden. (Dazu braucht man Propaganda, siehe unten.). Die ökonomische Theorie fördert diese Entwicklung durch viele demokratiefeindliche Argumente (auch darauf kommen wir noch zurück).
- Wirtschaftliche Macht verlagert sich zunehmend auf große Konzerne, sie bekommen, in mehreren Runden, Einfluss auf die Politik, - unter anderem auch auf die Medien, - werden in diesem Prozess immer marktradikaler und fördern Theorien und Politiker, die dem Wohlfahrtsstaat und später dem Nationalstaat kritisch gegenüberstehen. Sie werden darin durch ökonomische Theorien unterstützt. Nach dem 2. Weltkrieg wird es in der Theorie modern, von „Staatsversagen“ zu sprechen, einige dieser Ansätze werden noch erwähnt.
- das Anwachsen Dutzender marktradikaler Think-Tanks weltweit, auch von Konzernen gefördert. In einigen Ländern erringen sie großen Einfluss auf die Politik. Der Glaube an DEN MARKT wird von einer philosophischen Idee zu einer gestaltenden politischen Kraft,[2] - mit Rückwirkungen auf die ökonomische Theorie und den politischen Diskurs.
- der Aufstieg der USA zur dominanten Macht nach dem Zweiten Weltkrieg, getragen von einer Propaganda „des freien Westens“ mit einem freien MARKT. Konzepte und Entwicklungen in den USA strahlen auf andere Länder aus, werden direkt übernommen oder müssen übernommen werden, - auch in der ökonomischen Theorie und in der Wirtschaftpolitik.
- die Entwicklung des Computers und sein Einfluss auf das politische Denken während des Kalten Krieges. In diesem Konnex entsteht die mathematische Neoklassik, die wichtigste marktradikale Theorie im 20. Jahrhundert. Ihr Hauptmodell wird ab Kapitel 3 dargestellt. Sie basiert auf Denkfiguren, die zum Kalten Krieg passen und auf dem Konzept des Computers, der in den 40er Jahren für militärische Zwecke erfunden wurde.
- die Entwicklung neuer Propaganda-Methoden, die Konzepte und Instrumente der Beeinflussung der öffentlichen Meinung liefern. Der Glaube an DEN MARKT, das will ich in diesem Buch zeigen, zehrt von einer Theorie der Propaganda. Die Theorie DES MARKTES ist nicht nur eine Theorie (angesiedelt im Diskursraum der Wissenschaft), sondern auch ein Propaganda-Ansatz, der die gesamte Kultur umkrempeln will.
- die Neuorganisation der Interessen der großen Konzerne und reicher Personen, vor allem in den USA. Sie fördern Theorien DES MARKTES und ihre Propagandisten, weil sie ihren Interessen dienen. Das Resultat ist eine Zunahme der Ungleichheit in Vermögen und Einkommen in vielen Ländern.
- neue technische Entwicklungen, die eine engere Verflechtung globalen Wirtschaftens möglich gemacht haben, das Bild DES MARKTES als globaler MARKT wird, so scheint es, bedeutsamer: man spricht von der Globalisierung wie man früher von DEM MARKT geredet hat.
- der Zusammenbruch kommunistischer Systeme weltweit und das Umschwenken der kommunistischen Partei Chinas zum Kapitalismus: jetzt, so die Propaganda, habe DER MARKT seine Überlegenheit auch historisch gezeigt, - ja wir seien gar am „Ende der Geschichte“ angelangt, so ein prominenter marktradikaler Historiker.[3]
- der Niedergang systemsteuernder Entwürfe (in der Tradition von Keynes) und das Versiegen utopischer und gesellschaftskritischer Ansätze, die früher linke Bewegungen vertreten haben. Die europäische Sozialdemokratie kapituliert, zuerst theoretisch, dann in ihrem Handeln: Blair und Schröder führen marktradikale „Reformen“ durch,[4] alternative theoretische und politische Ansätze werden nicht mehr entwickelt.
Entscheidend ist für mich der Propaganda-Aspekt: die Theorie DES MARKTES kann als bewusst entworfenes (und finanziertes) Propaganda-Produkt einflussreicher Kreise gedeutet werden, mit dem Ziel das politische und soziale Denken zu beeinflussen. Sie war lange Zeit ohne großen Einfluss, gewann in den siebziger Jahren plötzlich politische Macht und wurde dann schrittweise zur herrschenden Lehre weltweit. Die dominante ökonomische Lehre wird in diesem Buch als massenwirksamer Propaganda-Ansatz verstanden.
Dies wird auch an der Praxis DES MARKTES deutlich, wie der Begriff DER MARKT im politischen Diskurs verwendet wurde und welche Wirkungen dies hat. Theorie, Praxis und Propaganda sind eng verwoben. Aus der Fülle der Phänomene kann ich nur einige wenige herausgreifen: die Aushöhlung des Staates im Vergleich zu DEM MARKT, die Rolle der Löhne am Arbeitsmarkt, die Diskreditierung des Sozialstaates und der Bedürftigen, die Wirkungen auf die Einkommensverteilung, wie mächtige Institutionen (wie die Weltbank oder der Internationale Währungsfond) mit DEM MARKT argumentieren, mit Beispielen einzelner Länder - wie Chile und Russland in denen Ökonomen im Hinblick auf das Bild von DEM MARKT die Wirtschaftsstruktur umgekrempelt haben, bis hin zum Irak, - heute vielleicht das marktradikalste Land der Welt.[5]
Das geschichtliche Verständnis des marktradikalen Denkens und seiner Folgen wird in diesem Buch mit einer Kritik des wichtigsten Modell DES MARKTES verbunden:
- Auf der Ebene der ökonomischen Theorie wird die Neoklassik als brauchbarer Ansatz abgelehnt. Ich argumentiere hier als Ökonom und bringe viele theoretische und methodische Argumente. Die neoklassische Theorie besitzt für mich keinerlei wissenschaftlichen Wert.
- Auf der Ebene des Diskurses wird aufmerksam gemacht, aus welchen Hintergründen die Theorie entstanden ist und wie sie heute von Medien, Institutionen, JournalistInnen, Personen in Wirtschaft und Politik oder von Wissenschaftlern in der Öffentlichkeit (immer noch) verwendet wird. Ich argumentiere hier als Kommunikationsexperte, der sich mit Fragen des politischen Diskurses beschäftigt hat.
Viele Mängel der Neoklassik sind den Insidern seit Jahren bekannt. Sie haben aber keine Wirkung gezeigt. Im Gegenteil: Wer heute die Wissenschaft von der Wirtschaft studiert, sei es nur in Lehrbüchern oder weiterführend, wird in höherem Masse im marktradikalen Denken geschult als vor zwanzig Jahren. Junge Ökonominnen und Ökonomen glauben mehr an DEN MARKT als ältere.[6] Der Neoklassik ist es gelungen, ihre theoretischen Schwächen in ideologische Stärken zu verwandeln. Eine Theorie, die kein empirisches Fundament besitzt (das zeige ich an Dutzenden Beispielen), lässt eine inhaltliche Interpretation in jede Richtung zu.
„Wenn man (fast) nichts Konkretes sagt, ist schließlich alles gesagt. Und dann läst sich mit solchen Aussagen auch alles machen, unter anderem Politik.“ (Stephen Gross).[7]
Aber das bekommen wir nur in den Blick, wenn wir zwei Ebenen systematisch verbinden:
- die Inhalte der Theorie, ihre sonderbaren Annahmen, ihre logischen Widersprüche und ihre mangelhafte Verankerung in der Realität, und
- die Absichten der Erfinder, ihre politischen und ideologischen Wirkungen im Diskurs und ihren Einfluss auf die Gesellschaft.
Beginnen wir mit der Entstehungsgeschichte DES MARKTES in der ökonomischen Theorie und ihren vielfältigen Hintergründen im 20. Jahrhundert.
[1] Wichtige Arbeiten sind Desai 1994, Gellner 1995, Dixon 2000a und b, Walpen 2004, Ptak 2004, Horn und Mirowski 2005, Nordmann 2005, Tevelow 2005 und Plehwe u.a. 2006.
[2] Vgl. Peck und Tickell 2002 zu Phasen in diesem Prozess.
[3] Fukyama 1992. "Mit dem Triumph des Kapitalismus findet der Kampf um Anerkennung im globalen Maßstab sein Ende. Damit mündet Geschichte in die homogene Zeit, die kein Zuvor und kein danach mehr kennt, sondern nur noch Gegenwart. In der Folge gerät auch Politik an ihr Ende und wird ersetzt von Verwaltung und wirtschaftliche Tätigkeit." (Misik 1997, 41f.).
[4] Zum Konzept von „New Labour“ unter Anthony Blair vgl. Dixon 2000b.
[5] Vgl. Ötsch und Kapeller 2009.
[6] Nach einer Internetbefragung unter allen deutschen VolkswirtInnen, die beim Verein für Socialpolitik organisiert sind (Rücklaufquote 21%) bekennen sich 80 Prozent zur neoklassischen Theorie, signifikant deutlicher vor allem jüngere. Nur 32 Prozent halten den Homo Oeconomicus für unbrauchbar. Lediglich 12 Prozent der ökonomischen Zunft fühlt sich in ihren „wissenschaftlichen Grundeinstellungen und Ausrichtungen“ dem Keynesianismus verbunden, alle anderen (1%: Marxismus/Sozialismus; 12%: keine Angabe, Mehrfachnennungen waren möglich) ordnen sich einer der modernen marktradikalen Richtungen zu. 89 Prozent befürworten eine Senkung der Lohnnebenkosten und 76 Prozent „eine weitgehende Verlagerung der Lohnfindung in die Betriebe“, - folgerichtig stimmen 68 Prozent zu: „Die wirtschaftliche Macht der Gewerkschaften sollte eingeschränkt werden“. Andere Arten von wirtschaftlicher Macht wurden nicht hinterfragt. Vgl. Frey, Humbert und Schneider 2007.
[7] Groß 1999, 134. Weiter im Zitat: „Schwäche der Theorie, hervorgerufen durch überzogenen Reduktionismus und Wahrnehmungsverkürzungen ist geradezu Voraussetzung für den „Erfolg“ und politische Wirkmächtigkeit einer solchen Theorie als Ideologie.“